Didaktik & Methoden · Prompt Engineering
Sprachmittlung mit KI: Für die Zielgruppe statt wörtlich
Kurz gesagt
Sprachmittlung heisst, Inhalte sinngemäss und passend für eine Zielgruppe in eine andere Sprache zu übertragen, nicht Wort für Wort zu übersetzen. Lernende vergleichen eigene Fassungen mit KI-Vorschlägen und prüfen, ob Inhalt, Ton und Zweck stimmen.
Das Problem
Frau Keller gibt im Französischunterricht den Auftrag: «Übersetze diese Mitteilung der Schule ins Französische.» Die Lernenden öffnen ein Übersetzungsprogramm, kopieren den Text und geben ab. Das Ergebnis ist oft grammatikalisch in Ordnung, aber für den Zweck unbrauchbar: Die Mitteilung ist zu lang, enthält Schweizer Besonderheiten, die niemand ausserhalb versteht, und der Ton passt nicht zur Empfängerin, einer Gastfamilie im Welschland.
Im Alltag geht es oft nicht um Wort-für-Wort-Übersetzung, sondern um Sprachmittlung (englisch «mediation»): Man gibt Inhalte sinngemäss weiter, kürzt, erklärt und passt Ton und Wortwahl der Zielgruppe an. Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) beschreibt Mediation als eigene Kompetenz neben Hören, Lesen, Sprechen und Schreiben. Sie verlangt, zu entscheiden, was wichtig ist, was weggelassen werden darf und was erklärt werden muss.
KI-Übersetzungen sind hier Chance und Risiko. Sie liefern schnell einen Text, den Lernende kritisch prüfen können. Wenn sie ihn ungeprüft übernehmen, lernen sie wenig. Der Unterricht kann deshalb mit einem Vergleich arbeiten: eigene Sprachmittlung, wörtliche KI-Übersetzung und KI-Vorschlag für die Zielgruppe.
So lösen Sie es mit KI – Schritt für Schritt
- Lernziel und Situation festlegen. Beispiel: «Die Lernenden übertragen eine Schulmitteilung sinngemäss für eine Gastfamilie.» Beschreiben Sie Absender, Empfängerin, Zweck und Sprache.
- Ausgangstext wählen. Wählen Sie einen kurzen, selbst verfassten Text ohne Personendaten, zum Beispiel eine Einladung zu einem Elternabend oder ein Merkblatt zu einem Schulausflug.
- Auftrag formulieren. Der Auftrag nennt Zielgruppe, Zweck und Rahmen: «Schreibe in zwei bis drei Sätzen auf Französisch, was die Gastfamilie über den Ausflug wissen muss.»
- Erst selbst mitteln. Die Lernenden schreiben ihre eigene Fassung, ohne KI. Sie dürfen Wörterbuch und Hilfen nutzen, die Sie erlauben.
- KI-Fassungen zum Vergleich erzeugen. Sie lassen die KI eine wörtliche Übersetzung und eine Fassung für die Zielgruppe erstellen. Die Klasse vergleicht alle drei Fassungen: Was fehlt? Was ist zu viel? Was klingt unnatürlich? Wo wird ein Schweizer Begriff nicht verstanden?
- Kriterien anwenden. Beurteilen Sie nach: Inhalt vollständig und richtig, Zielgruppe berücksichtigt, Ton passend, sprachlich verständlich. Rechtschreibung und Grammatik sind nur eines von mehreren Kriterien.
- Überarbeiten und reflektieren. Lernende verbessern ihre Fassung und notieren, was sie über Sprachmittlung gelernt haben.
| Kriterium | Frage | Typischer Fehler bei wörtlichem Vorgehen |
|---|---|---|
| Inhalt | Sind die wichtigsten Informationen drin? | Unwichtiges ausführlich, Wichtiges fehlt |
| Zielgruppe | Versteht die Empfängerin alle Begriffe? | Schweizer Spezialausdrücke bleiben |
| Ton | Passt der Ton zum Anlass? | Zu förmlich oder zu locker |
| Umfang | Ist die Länge angemessen? | Wort für Wort, zu lang |
Vorlage zum Kopieren
Ich unterrichte [Fremdsprache] in [Klassenstufe, Niveau nach GER, z. B. A2] und bereite eine Sprachmittlungsaufgabe vor.
Situation: [Absender → Empfängerin, Zweck, z. B. Schule schreibt an eine Gastfamilie in der Westschweiz]
Ausgangstext (von mir verfasst, keine Personendaten): [Text]
Erstelle:
1. Eine wörtliche Übersetzung in [Fremdsprache].
2. Eine sinngemässe Fassung für die genannte Zielgruppe in [Fremdsprache] mit Wortschatz auf Niveau [A2].
3. Eine Liste der Unterschiede zwischen beiden Fassungen (was gekürzt, erklärt oder angepasst wurde).
4. Fünf Fragen, mit denen Lernende die Fassungen vergleichen.
5. Hinweise, wo die Fassungen sprachlich unsicher sein könnten und ich nachprüfen sollte.
Verwende keine Wendungen, die auf diesem Niveau unüblich sind.Setzen Sie Sprache, Niveau, Situation und Text ein. Die sprachliche Richtigkeit prüfen Sie selbst oder mit einer Fachperson.
Worauf Sie achten müssen
- KI-Übersetzungen können Fehler enthalten. Bei Idiomen, Höflichkeitsformen und Fachwörtern sind sie unzuverlässig. Prüfen Sie die Fassungen oder lassen Sie sie von einer sprachkundigen Person gegenlesen.
- Eigene Leistung sichtbar machen. Beurteilen Sie nur, was Lernende selbst erarbeitet haben, und kennzeichnen Sie KI-Hilfe, wo Sie sie erlauben. Klären Sie die Regeln für Hilfsmittel vorher.
- Keine Personendaten. Verwenden Sie erfundene Texte ohne Namen und Adressen. Geben Sie keine Schülertexte in öffentliche KI-Dienste ein. Orientierung bietet das Educa-Dossier; es gelten die kantonalen Vorgaben.
- Niveau beachten. Eine KI-Fassung kann viel anspruchsvoller sein als das Niveau der Klasse. Verlangen Sie den Wortschatz des Niveaus oder vereinfachen Sie. Hinweise zum Niveau-Abgleich finden Sie bei GER-Sprachaufgaben.
- Mehrsprachigkeit nutzen. Lernende mit anderen Erstsprachen können beim Vergleich wertvolle Beiträge leisten. Planen Sie dafür Raum ein, siehe Mehrsprachigkeit mit KI.
- Übersetzen bleibt sinnvoll. Wörtliches Übersetzen hat im Lernprozess seinen Platz, etwa zum Kennenlernen von Strukturen. Sprachmittlung ergänzt es.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ein erfundenes Beispiel aus einer 8. Klasse in Olten: Die Klasse hat eine Austauschpartnerschaft mit einer Klasse im Kanton Jura. Die Schulleitung schickt eine Mitteilung zum Besuch.
Vorher: Die Lernenden übersetzen die Mitteilung wörtlich mit einem Programm. Die Gastfamilien verstehen den Begriff «Znünipause» nicht und lesen zwei Seiten Text.
Nachher: Frau Keller gibt die Situation vor und lässt die Lernenden zuerst selbst auf Französisch zusammenfassen, was die Familie wissen muss: Ankunftszeit, Verpflegung, Kleidung, Kontakt. Danach vergleicht die Klasse mit einer wörtlichen KI-Übersetzung und einem KI-Vorschlag für die Zielgruppe. Sie entdecken, dass «Znünipause» erklärt werden muss, und dass die KI das «Du» und «Sie» uneinheitlich verwendet. Die Lernenden überarbeiten ihre Fassungen und schicken sie nach Prüfung durch Frau Keller ab.
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Häufige Fragen
Worin unterscheidet sich Sprachmittlung von Übersetzen?
Beim Übersetzen steht der Text im Mittelpunkt, bei der Sprachmittlung die Situation: Wer braucht was, wofür? Man darf kürzen, erklären und umformulieren. Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen beschreibt sie als eigene Kompetenz.
Soll ich KI-Übersetzung im Unterricht verbieten?
Das hängt vom Lernziel ab. Für Aufgaben, die eigene Sprachproduktion üben, ist ein Verbot sinnvoll. Für Vergleichs- und Prüfaufgaben kann KI ein Lerngegenstand sein. Regeln für Hilfsmittel sollten für die Lernenden klar sein, siehe Übersetzung in der Lernphase.
Wie beurteile ich Sprachmittlung?
Mit einem Raster zu Inhalt, Zielgruppe, Ton und Sprache. Fehlerfreiheit ist nur eines der Kriterien. Teilen Sie das Raster vorher mit den Lernenden.
Eignet sich das auch für Deutsch als Zweitsprache?
Ja. Lernende, die zwischen Deutsch und ihrer Erstsprache vermitteln, erfahren Sprachmittlung im Alltag, etwa bei Elterngesprächen. Behandeln Sie dabei Fragen der Vertraulichkeit sorgfältig.
Erstellt mit KI-Unterstützung, redaktionell verantwortet von der Alpasana GmbH · 10.10.2026. So arbeitet die Redaktion · Fehler entdeckt? Melden Sie es uns.
Quellen
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